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I0086/16 Anlage

                                    
                                        I0086/16 - Anlage

Impressum
Landeshauptstadt Magdeburg
Der Oberbürgermeister
Dezernat für Soziales, Jugend und Gesundheit
Stabsstelle für Jugendhilfe-, Sozial- und Gesundheitsplanung
Wilhelm-Höpfner-Ring 4
39116 Magdeburg
Telefon:
Fax:
E-Mail:

0391 / 540-3241
0391 / 540 96 3242
Heidi.Sapandowski@jsgp.magdeburg.de

Eine Veranstaltung der Stabstelle für Jugendhilfe-, Sozial- und Gesundheitsplanung der
Landeshauptstadt Magdeburg in Kooperation mit der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft
(PSAG) Magdeburg.
26. November 2015
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei der Angabe von Berufs- und anderen
Bezeichnungen nur die allgemeine bzw. männliche Form benannt.
Nachdruck (auch auszugsweise) ist nur mit schriftlicher Genehmigung und Quellenangabe
gestattet.

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Jubiläumsveranstaltung - 26. November 2015
Gesellschaftshaus am Klosterbergegarten Magdeburg
20 Jahre
Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft Magdeburg
-

9.30 Uhr

Eröffnung/Grußwort
Simone Borris, Beigeordnete für Jugend, Soziales und Gesundheit der
Landeshauptstadt Magdeburg
Grußwort
Dr. Gabriele Theren, Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes
Sachsen- Anhalt
Rückblick auf die Entstehung und Tätigkeit der PSAG
Dr. Ilse Schneider, Fachärztin für Psychiatrie/Neurologie i. R.
Heidi Sapandowski, Psychiatriekoordinatorin

10:15 Uhr Würdigung besonderen Engagements
10:45 Uhr Herausforderungen an die künftige psychiatrische Versorgung in der
Landeshauptstadt Magdeburg aus Sicht der PSAG:
Marc Fesca, Sprecher der Fachgruppe Erwachsenenpsychiatrie der PSAG
Sandra Lösecke, Sprecherin der Fachgruppe Sucht der PSAG
Uwe Schmidt, Sprecher der Fachgruppe Kinder- und Jugendpsychiatrie der PSAG und
Prof. Dr. Flechtner, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum
Magdeburg
11:30 Uhr Kultureller Beitrag
12:00 Uhr Kleiner Imbiss im Foyer des Gartensaals

13:30 Uhr Arbeitsgespräch der Fachgruppe Kinder- und Jugendpsychiatrie (mit geladenen
Gästen) zum Thema:
Erfordernisse rechtskreisübergreifender Zusammenarbeit zur Verbesserung der
Versorgung von Kindern/Jugendlichen mit emotional-sozialem Förderbedarf
Eröffnung
Uwe Schmidt, Sprecher der Fachgruppe Kinder- und Jugendpsychiatrie der PSAG
Einstiegsreferat: Pädagogische Diagnostik in der Grundschule
Frau Dr. Teumer, Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt
14:30 Uhr
15:00 Uhr

Kaffeepause
World Cafe und Zusammenfassung aus dem World Cafe
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Begrüßung
durch die Beigeordnete für Jugend, Soziales und Gesundheit der Landeshauptstadt
Magdeburg, Simone Borris

Sehr geehrte Gäste, Mitglieder der PSAG,
Experten in eigener Sache – also Betroffene –
Frau Dr. Theren – herzlich Willkommen - , Sie als Vertreterin des
Ministeriums für Arbeit und Soziales, insbesondere aus dem
Referat, das für die PSAG zuständig ist, Frau Dr. Schneider, hat
mich besonders gefreut, als ich gesehen habe, dass Sie kommen,
weil wir sind auch langjährige gemeinsame Wegbegleiterinnen,
mit Ihrer geschätzten Kollegin, die ja auch schon lange im
Ruhestand ist,
liebe Stadträte und Stadträtinnen, wie ich gesehen habe –
Gesundheits- und Sozialausschuss, Jugendhilfeausschuss – stark
vertreten – und alle anderen Gäste herzlich Willkommen.
Ich möchte Sie ganz herzlich zur Jubiläumsveranstaltung – 20
Jahre Psychosoziale Arbeitsgruppe – hier im wunderschönen
Saal des Gesellschaftshauses begrüßen.
Was habe ich als Beigeordnete für Soziales, Jugend und Gesundheit mit der PSAG zu tun?
Das liegt, denke ich, auf der Hand, weil die Geschäftsführung der Psychosozialen
Arbeitsgruppe in den Händen der Psychiatriekoordinatorin, Frau Sapandowski liegt, auch
herzlich Willkommen, die das in hervorragender Weise seit 1995 in der Umsetzung begleitet,
ursprünglich an den Sozialpsychiatrischen Dienst, an Frau Dr. Schneiders Bereich
angegliedert gewesen, im Gesundheitsamt und dann seit 2003 in der Stabsstelle Jugendhilfe, Sozial- und Gesundheitsplanung bei Dr. Gottschalk, wo die Arbeit der PSAG auch ein
Stück weit hingehört, denn es geht ja u.a., wie wir nachher sehen werden, um einen Bereich,
der entsprechend auch geplant oder planbar gestaltet werden sollte.
Ja und das Dezernat, zu dem diese Stabsstelle gehört, liegt seit dem 1. Dezember 2014,
also jetzt schon wieder fast ein Jahr, in meinen Händen und insofern steht es mir, denke ich,
auch an, heute hier die Eröffnung dieses Jubiläums wahrnehmen zu dürfen.
Ich hab es schon gesagt, ich habe den Psychosozialen Bereich als Abteilungsleiterin früher
im Sozial- und Wohnungsamt, dann als Sozialamtsleiterin entsprechend begleiten dürfen,
weil auch meine Mitarbeiter aus dem Sozial- und Wohnungsamt – hier kann ich auch Frau
Seidel benennen, die anwesend ist – aktiv in die Arbeit in der Psychosozialen Arbeitsgruppe
eingebunden gewesen sind.
Das Thema Psychosoziale Betreuung/Begleitung, denke ich mal, ist von bundesweiter
Bedeutung und auch in der Stadt ist deutlich erkennbar, dass die Erkrankungen in dieser
Richtung ansteigend sind. Das sehen wir auch durchaus im Mitarbeiterbereich, wo eben
auch psychische Belastungssituationen, Burn-Out-Erkrankungen eine wesentliche Rolle
spielen bei den Langzeiterkrankungen.
Das Gremium PSAG ist ein fachlich orientiertes Gremium, hat sich die ganzen Jahre um eine
gute, gemeinnahe psychiatrische Versorgung bemüht und in den verschiedenen Teilbereichen nicht nur um psychische Erkrankungen, sondern auch um seelische
Behinderungen, geistige Behinderungen und Suchterkrankungen gekümmert in der Stadt.
Mitglieder sind Leistungserbringer, Sozialleistungsträger, Vertreter von Selbsthilfe- und
Angehörigengruppen bzw. Angehörigeninitiativen, viele von ihnen sind heute hier vertreten.
Ich denke, 20-jähriges Bestehen ist etwas Besonderes. Etwas Besonderes auch deswegen,
weil alle diese Einrichtungen, Organisationen, Vereine, die ursprünglich die PSAG
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ausgemacht haben und 1995 als Mitglied in der Gründungsphase dabei gewesen sind,
immer noch dabei sind. Und das ist auch nicht so üblich, dass all diese Menschen noch in
diesen Gremien vertreten sind. Es zeigt aber auch die Notwendigkeit, dass sich im
Versorgungssystem der genannten Zielgruppen regelmäßig informiert werden muss, dass es
einen Austausch geben muss, kooperiert werden muss und gleichzeitig zeigt es auch das
große Engagement der Mitglieder, die sich hier für die Belange psychisch kranker Menschen
einsetzen. Es wird heute – Herr Dr. Gottschalk wird nachher durch die Veranstaltung führen
– eine Rückschau geben auf die Entstehung, auf die Tätigkeit der PSAG, es soll „Danke“
gesagt werden für das Engagement innerhalb der PSAG, „Danke“ auch an die folgenden
Redner, die sich hier oben dann mit entsprechenden Aktivitäten nochmal darstellen werden,
zum Einen an die Fachgruppe Erwachsenenpsychiatrie, dann an die Fachgruppe Kinderund Jugendpsychiatrie.
Und ich möchte darauf hinweisen, es wird auch einen Ausblick auf die weiteren Tätigkeiten
und die Herausforderungen einer künftigen psychiatrischen Versorgung geben. Die Stadt
Magdeburg, insbesondere das Sozialdezernat, haben sich hier auf die Fahnen geschrieben,
perspektivisch tiefer in die Verantwortung einzusteigen und die psychosoziale Versorgung
der Stadt auch planerisch in den Blick zu nehmen und hier, mit Ihrer Unterstützung, mit
Unterstützung der Psychosozialen Arbeitsgruppe, die Entwicklung in der Zukunft
entsprechend, ja, ich denke ein Stück weit auch verantwortungsvoll in die Hände zu nehmen.
So würde ich vielleicht das Ganze ausdrücken wollen. Ich bedanke mich für Ihre
Aufmerksamkeit und wünsche der Veranstaltung einen super Verlauf und übergebe dann
das Wort an Dr. Gottschalk.

Moderation
Dr. Ingo Gottschalk, Stabsstelle für Jugendhilfe-, Sozial- und Gesundheitsplanung
Sehr geehrte Damen und Herren,
auch ich begrüße Sie selbstverständlich zu unserer Jubiläumsveranstaltung.
Würdigung – Rückblick – Ausblick, die drei Themenblöcke, die
uns heute bewegen sollen, sind so avisiert, dass ausgewählte
Kolleginnen und Kollegen aus den letzten 20 Jahren der
Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft hier zu Wort kommen. Mit
dieser Veranstaltung haben wir die Möglichkeit, inne zu
halten, aber auch Ansatzpunkte zu fixieren, die möglicherweise
für die zukünftige Arbeit eine Rolle spielen werden.
Mein Bezug ergibt sich aus der Zuordnung der Psychiatriekoordination und der Psychiatriekoordinatorin Frau Sapandowski in die Stabsstelle für
Jugendhilfe- Sozial- und Gesundheitsplanung – mittlerweile seit 12 Jahren.
Und ich habe auch noch einmal kurz reflektiert, wann war denn überhaupt mein erster
Kontakt im Rückblick auf die PSAG-Arbeit? Ich erinnere mich dabei an die Änderung der
Geschäftsordnung 2005. Und ich habe viele von Ihnen seit dieser Zeit kennenlernen dürfen.
Wir verbinden das heutige Jubiläum am Nachmittag auch noch mit einem fachinhaltlichen
Diskurs mit einem schon eingeladenen Teilnehmerkreis aus dem Bereich der Kinder- und
Jugendpsychiatrie. Thema des Workshops ist: „Erfordernisse rechtskreisübergreifender
Zusammenarbeit zur Verbesserung der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit
emotional-sozialem Förderbedarf“.
Durch die Arbeitsgruppe Erwachsenenpsychiatrie ist bereits im Oktober mit Bezug auf unser
Jubiläum eine öffentliche Veranstaltung organisiert worden, wo über psychische
Erkrankungen informiert wurde. Auch dafür nochmal herzlichen Dank.
Das waren einige Hinweise zur Würdigung, zum Rückblick bzw. zum Ausblick.

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Ich darf Ihnen zum eigentlichen Programm selbst darüber hinaus auch eine kulturelle
Umrahmung ankündigen, auf die ich mich insbesondere freue. Ich begrüße damit die
Kolleginnen und Kollegen aus dem AWO-Fachkrankenhaus in Jerichow.
Die Orientierung hinsichtlich der Zuständigkeit des Landes Sachsen-Anhalt hat Frau Borris
schon erwähnt. Frau Dr. Theren, Sie sind natürlich auch als Landesvertreterin immer mit der
Magdeburger Situation psychisch Kranker befasst, wenn die Besuchskommissionen dann
einen intensiven Austausch und Kontakt haben mit uns. Ich freue mich, Ihnen ankündigen zu
können, dass Frau Dr. Theren aus der Sicht des Landes Sachsen-Anhalt die Perspektiven
„Rückblick-Würdigung-Ausblick“ aufnimmt und aus ihrer Sicht Grußworte an uns richtet.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Grußwort
Dr. Gabriele Theren, Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt

Sehr geehrter Herr Dr. Gottschalk
vielen Dank für die einleitenden Worte,
sehr geehrte Frau Borris,
sehr geehrte Frau Schneider und vor allen Dingen sehr verehrte
Frau Sapandowski,
sehr geehrte Damen und Herren,
herzlichen Dank für die Einladung, die ich gerne angenommen
habe. Es ist mir eine große Freude, heute gemeinsam mit Ihnen
die Festveranstaltung zum 20-jährigen Jubiläum der
Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft zu begehen und uns, sehr
geehrte Frau Sapandowski verbinden uns nun auch schon wenn ich mich nicht verrechnet habe - 12 Jahre. Insbesondere
möchte ich Ihnen an dieser Stelle die herzlichen Grüße von
Herrn Minister Norbert Bischoff ausrichten, der heute leider verhindert ist. Er bringt den
Inhalten Ihrer Arbeit und Ihrer unermüdlichen Netzwerkarbeit, die Sie in vorbildlicher
Weise leisten, hohe Anerkennung und Wertschätzung entgegen.
Rückblick-Würdigung-Ausblick
Wie der Einladung bereits zu entnehmen ist, soll dieser Tag einerseits Anlass für einen
Rückblick auf die Tätigkeit der Psychosozialen Arbeitsgruppe und andererseits
Herausforderungen an die künftige psychiatrische Versorgung in der Landeshauptstadt
herauszuarbeiten. Ich denke jedoch bei einem Jubiläum wie heute kommt der
Würdigung besondere Bedeutung zu.
Hierzu haben sich heute alle Mitstreiter zusammengefunden, um zu zeigen, dass es
eben das Zusammenwirken der verschiedensten Gruppen ist, das die besondere
Qualität Ihrer Arbeit auszeichnet. Und hierfür möchte ich wirklich ganz herzlich danken,
Ihr Engagement ausdrücklich würdigen und Ihnen allen dafür hohe Anerkennung
zollen. Ihr Engagement, Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen sind unverzichtbar und
wertvoll, denn nur durch die Mitarbeit aller Beteiligten können regionale
Angebotsstrukturen so aufgebaut werden, wie es bei Ihnen in hervorragender Weise
gelungen ist. Dieses Engagement wird immer als selbstverständlich vorausgesetzt,
was es aber nicht ist und deshalb in diesem Rahmen hervorgehoben werden soll.
Vielen Dank für 20 Jahre hervorragende Arbeit!

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Wie fachlich versiert die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft aufgestellt ist, wird
offenkundig, wenn man sich vor Augen führt, dass in fünf verschiedenen thematischen
Fachgruppen gearbeitet wird, Berichte und Dokumentationen veröffentlicht werden, ein
Konzept zur Suchtbekämpfung und Suchtprävention erarbeitet wurde wie auch ein
Wegweiser Psychiatrie Sucht Gerontopsychiatrie oder die Informationsveranstaltung
Anfang Oktober dieses Jahres mit dem Titel „Was Sie schon immer über psychische
Erkrankungen wissen wollten“. Diese Aktivitäten können sich sehen lassen und sind
Ausdruck des hohen Niveaus Ihrer Tätigkeit. Diese hat auch der Ausschuss für
Angelegenheiten der psychiatrischen Krankenversorgung in seinem aktuellen 22.
Tätigkeitsbericht ausdrücklich erwähnt.
Mir ist bekannt, dass auch Sie mit der aktuellen Flüchtlingssituation beschäftigt sind.
Die allgemeine Verwaltung, der Sozialpsychiatrische Dienst und die Amtsärzte sind
stark gefordert, die Gesundheitsangelegenheiten und auch die psychische Gesundheit
der Flüchtlinge zu sichern. Hilfen müssen organisiert werden und dies schnell und
unbürokratisch.
Aber gerade deshalb ist es wichtig, in Zeiten neuer Herausforderungen auf eine
Struktur wie die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft zurückgreifen zu können, die
ihrerseits in einer Umbruchzeit Mitte der neunziger Jahre entstanden ist und sich bis
heute so positiv und lebendig entwickelt hat. Gerade am Beispiel dieser durch Sie,
meine Damen und Herren, entwickelten Struktur der gemeindenahen Versorgung sieht
man, dass Umbruchsituationen immer auch Chancen bieten und auch so sollte man
mit dieser neuen aktuellen Herausforderung umgehen.
Der psychiatrischen, psychologischen und psychosomatischen Versorgung in den
Landkreisen und kreisfreien Städten und dessen Qualität kommt eine immer höhere
Bedeutung zu angesichts der allgemeinen Entwicklung psychischer Erkrankungen.
Es ist bundesweit ein Anstieg von psychischen Erkrankungen festzustellen, ein Trend,
der auch für Sachsen-Anhalt festzustellen ist. Inwieweit die tatsächliche Zahl der
psychischen Erkrankungen oder nur die Fallzahlen zugenommen haben, ist unter
Experten umstritten.
Nach der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit scheinen die Erkrankungszahlen zu
steigen. Aktuelle Zahlen des Robert-Koch-Institutes betätigen dies eigentlich nicht.
Man muss eher davon ausgehen, dass die Anzahl an Erkrankungen relativ gleich
bleibt, jedoch die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen durch die Erkrankten
steigt. Dennoch wird geschätzt, dass etwa 50 % der an sich Betroffenen gar nicht
behandelt werden
Als positiv ist jedenfalls zu vermerken, dass die Akzeptanz der Erkrankung
zugenommen hat und der soziale Druck für die betroffenen Personen nicht mehr so
groß ist. Mit der zunehmenden Akzeptanz der psychischen Beeinträchtigungen steigt
auch die Bereitschaft der Betroffenen, Hilfen in Anspruch zu nehmen.
Natürlich führt dies dann wieder zu einem anderen Problem: den zum Teil extrem
langen Wartezeiten. Dieses Problem wird auch auf dem heute stattfindenden DGPPNKongress, der sein 40 jähriges Jubiläum der Übergabe des Berichtes der damaligen
Enquete-Kommission feiert - als Hauptherausforderung thematisiert.
Allerdings ist die Situation in Sachsen-Anhalt nach meiner Einschätzung nicht
schlechter als in anderen Bundesländern, wenn es auch noch viel zu tun gibt.
Die Probleme in Sachsen-Anhalt ähneln der Situation in anderen Bundesländern.
Lange Wartezeiten für eine Therapie oder ärztliche Betreuung, aber auch
Schwierigkeiten hinsichtlich der Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen
erschweren die Situation der betroffenen Patienten erheblich.

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Es gibt allerdings gerade im ambulanten Bereich auch Positives zu berichten.
Durch die neue Bedarfsrichtlinie (Bundesrecht) sind im Bedarfsplan des Landes
Sachsen-Anhalt 50 zusätzliche Niederlassungsmöglichkeiten für Psychotherapeuten
ausgewiesen worden. Hinzu kommen noch 9 neue Zulassungsmöglichkeiten für
Kinder- und Jugendpsychiater. Dies ist eine deutliche Verbesserung der Ist-Situation,
zumal die meisten Sitze für Psychotherapeuten bereits besetzt sind beziehungsweise
entsprechende Anträge vorliegen.
Auch im Bereich der ambulanten Betreuung im häuslichen Bereich zur Vermeidung
oder Verkürzung eines stationären Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik kann ich
von positiven Entwicklungen berichten.
Im Bereich der ambulanten psychiatrischen Pflege haben sich in Wittenberg und
Uchtspringe die Salus wie auch die Alexianer auf den Weg gemacht, diese Hilfe, eine
Leistung nach SGB V, anzubieten, um Menschen zu helfen.
Diese Hilfen werden, so die Hinweise aus Gesprächen mit den zuvor bezeichneten
Trägern, gut angenommen, auch wenn der Bedarf natürlich noch größer ist. Wir hoffen,
dass auch andere Anbieter sich her auf den Weg machen. Die ambulanten
Wohnprojekte nach SGB XII, die im Lande schon seit Jahren angeboten werden, sollen
nicht unerwähnt bleiben, es war mir allerdings wichtig, auf diese neuen positiven
Entwicklungen hinzuweisen.
Die gemeindenahe Versorgung ist ein Thema, dem Sie sich durch die Gründung der
PSAG so erfolgreich angenommen haben. Die Enquete-Kommission hat bereits vor 40
Jahren den Begriff der gemeindenahen Versorgung maßgeblich geprägt und eine
solche Versorgung psychisch kranker Menschen in ihrem gewohnten Umfeld, weg von
einer zentralen Versorgung in großen psychiatrischen Kliniken gefordert.
Enthospitalisierung lautete das Schlagwort, das zu einem riesigen Umbruch in der
Versorgungslandschaft führte. Dieser Aufgaben haben Sie sich, meine Damen und
Herren, mit beindruckenden Ergebnissen gewidmet.
Das Engagement des Landes beim Aufbau von Psychosozialen Arbeitsgemeinschaften
und der Schaffung einer gemeindenahen Versorgung im Land in den Jahren 1995 bis
1998 möchte ich nicht unerwähnt lassen. Das Land hat damals in allen Landkreisen
und kreisfreien Städten für den Einsatz von Psychiatriekoordinatoren zum Aufbau einer
entsprechenden Struktur geworben und diesen Aufbau personell für einen Zeitraum
von 3 Jahren finanziell unterstützt. Eine dauerhafte Förderung des Landes war und ist
aufgrund der kommunalen Zuständigkeit im Bereich der Daseinsvorsorge (Artikel 28
GG) jedoch nicht möglich.
Die Stadt Magdeburg hat mit der Struktur der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft
sehr erfolgreich gearbeitet und ist auch nach Auslaufen der Förderung dabei
geblieben. Es ist als beispielhaft anzusehen, dass sich die Landeshauptstadt über die
vergangenen 20 Jahre ihrer Verantwortung gestellt und den finanziellen Rahmen zur
Verfügung gestellt hat, dass diese Kontinuität überhaupt möglich war. Hierfür ganz
herzlichen Dank an die Stadt Magdeburg.
Wir sind froh, dass der Bereich der Psychiatrie auch im Ministerium wieder eine klare
Struktur nach den verschiedensten organisatorischen Gestaltungen erhalten hat. Im
Ministerium für Arbeit und Soziales sind die Aufgabenbereiche Maßregelvollzug,
Psychiatrie und Sucht seit diesem Jahr in einem Referat gebündelt worden und die
Referatsleitung ist in der Zwischenzeit auch nachbesetzt worden. Insofern möchte ich
sie auch im Namen von Frau Reich-Becker und Frau Navky-Lambert grüßen. Damit
stehen Ihnen nunmehr kompetente Ansprechpartnerinnen zur Verfügung. Ich muss
jedoch darauf aufmerksam machen, dass wir uns auf Grund des massiven
Personalabbaus, der sich auch auf die personelle Ausstattung im Referat niederschlägt
8

nur noch auf die gesetzlich verpflichteten Aufgaben konzentrieren können, die im
Wesentlichen in der Umsetzung des PsychKG LSA besteht.
Die Forderung nach einer Psychiatrieplanung wird nach wie vor an das Land gerichtet.
Es besteht, wie Herr Minister Bischoff schon mehrfach öffentlich vorgetragen hat, keine
gesetzliche Verpflichtung nach dem PsychKG oder sonstigen Gesetzen, eine
Landesplanung aufzustellen.
Die Planung für die stationären Versorgungsstrukturen ist über die Krankenhausplanung und die dortigen Rechtsgrundlagen abgesichert. Darüber hinaus wird die
ambulante Versorgung im psychiatrischen Bereich nach den im SGB V festgelegten
Strukturen durch die dort benannten Selbstverwaltungskörperschaften gesteuert. Eine
Gesamtsteuerung des Landes auf eine rechtlich verbindliche Weise ist deshalb nicht
möglich.
Herr Minister Bischoff hat jedoch darauf hingewiesen, dass eine Bestandsaufnahme,
die einen Überblick über die ambulanten und stationären Versorgungsstrukturen im
Land gibt, möglich sei, die mit externer Unterstützung erarbeitet werden müsste. Diese
Bestandaufnahmen werden in anderen Bundesländern teils auch möglicherwiese
irreführend Planung genannt.
Die Forderung nach einer Novellierung des PsychKG LSA ist ebenfalls nicht neu. Es ist
aber zunächst festzuhalten, dass das Gesetz auch nach über 20 Jahren Praxis noch
gut und reibungslos funktioniert und eine Anpassung nur in geringem Maße notwendig
ist. Auch das Normensreening zum PsychKG hatte zu recht guten Ergebnissen
bezogen auf die UN-BRK geführt. Der wesentlichste Änderungsbedarf besteht aus
unserer Sicht darin, die Patientenrechte zu stärken eben unter Berücksichtigung der
UN-Behindertenrechtskonvention.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich den Gesetzesentwurf von Bündnis 90/Die Grünen,
die einen Novellierungsvorschlag vorgelegt haben, der durchaus beachtenswert ist, da
er auch inhaltliche Verbesserungen aufzeigt. Inwieweit solche inhaltlichen
Neugestaltungen aufgrund der derzeit durchgeführten Haushaltskonsolidierung
möglich sind, sind wiederum politische Entscheidungen, die in dieser Legislaturperiode
voraussichtlich nicht mehr entschieden werden.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich hatte es zuvor bereits erwähnt; uns alle
beschäftigt die Frage der Flüchtlinge und gerade jetzt wird eine Veranstaltung zum
Thema Migration und Trauma durchgeführt. Fakt ist, dass es noch keine konkreten
Zahlen zu massiven psychischen Belastungen oder Störungen gibt, bislang handelt es
sich eher um Einzelfälle aber sicher wird man sich dieser Aufgabe annehmen müssen.
Ich bin sicher, dass gerade Sie mit Ihren vernetzten Strukturen und Ihrer Erfahrung
sich auch dieser neuen Aufgabe erfolgreich stellen werden.
Ich wünsche Ihnen einen produktiven und ergebnisreichen Verlauf dieser
Veranstaltung und bin schon sehr gespannt auf die nachfolgenden Beiträge und das
Arbeitsgespräch der Kinder- und Jugendpsychiatrie und natürlich auch auf den
Rückblick von Frau Dr. Schneider. Herzlichen Dank.

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Moderation
Dr. Ingo Gottschalk, Stabsstelle Jugendhilfe-, Sozial- und Gesundheitsplanung
Frau Dr. Theren, noch einmal herzlichen Dank. Sie haben uns das Herz geöffnet, des
Landes sozusagen und die Hand gereicht. So habe ich das jedenfalls verstanden und ich
denke auch, dass diese Wertschätzung, die Sie für die Arbeit in der PSAG der
Landeshauptstadt Magdeburg gezeichnet haben, auch angenommen wurde. Ich glaube
auch, dass da öfter mal der Blick ins Land insgesamt oder bundesweit nutzt, wenn man
seine eigene Arbeit einschätzt, auch mal den Kopf zu heben und zu sagen „Wir sind ganz
gut – und wir sollten darüber auch öfter reden“. Das glaube ich, machen wir viel zu wenig.
Mit der Orientierung der beiden Grußworte sind für mich zwei Botschaften wesentlich
gewesen. Auf die eine bin ich gerade eingegangen – also die Wertschätzung der PSAG –
insgesamt, Ihrer Arbeit, unserer Arbeit.
Und zum zweiten natürlich auch noch einmal der in die Zukunft gerichtete Hinweis auf die in
Aussicht gestellte Infrastrukturplanung zur psychosozialen Versorgung in der
Landeshauptstadt Magdeburg.
Das, was Frau Borris angekündigt hat, kann ich damit hervorheben, dass dieses Verständnis
von kommunaler Verantwortung auch hinsichtlich dieser Planungsperspektive dann eine
andere Verbindlichkeit erreichen wird für die Einbringung von Fragestellungen der
psychosozialen Versorgung hier in der Landeshauptstadt Magdeburg.
Wir werden das 2016 im altbewährten Verfahren machen, dass wir einen PSAG-Bericht
einbringen, aber ab 2017 wollen wir auf die neue Perspektive setzen.
So deutlich wollen wir das auch sagen, da es politisches Handeln konkret mit einer
Drucksache ansprechen wird.
Ohne unseren Stadtrat und die Vertreter, die heute auch hier sind, hätten wir in den letzten
20 Jahren nicht viel erreichen können. Ich hoffe, Sie bleiben auch in den nächsten 20 Jahren
Partner im Fachdiskurs und haben für die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger auch
weiterhin die Finanzen gut im Blick.
Lassen Sie uns noch einmal die Perspektive des Rückblicks aufnehmen.
Frau Dr. Schneider wurde schon von Frau Dr. Theren angekündigt.
Ich freue mich auch, dass wir beide uns in diesem Rahmen wieder sehen können und
Sie uns in die Anfänge der PSAG – Arbeit mitnehmen.

Rückblick auf die Entstehung und Tätigkeit der PSAG
Dr. Ilse Schneider, Fachärztin für Psychiatrie/Neurologie i. R.

Sehr geehrte PSAG-Mitglieder,
meine Damen und Herren,
Gern habe ich die Einladung angenommen, heute ein paar Worte
anlässlich des 20-jährigen Bestehens der PSAG Magdeburg zu
sagen.
Zunächst möchte ich Sie zu diesem Jubiläum beglückwünschen.
20 Jahre Gemeinsames in der psychosozialen Arbeit zu finden,
sich auszutauschen und zu kooperieren war ein steiniger Weg.
Das kann ich wohl sagen, da ich am Anfang dabei war.

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Es gab damals viele engagierte Mitarbeiter in den Einrichtungen, die ein Miteinander mit
anderen psychosozialen Einrichtungen als notwendig und fruchtbar ansahen. Auch der
Psychiatrie-Ausschuss des Landes Sachsen Anhalt befürwortete die Gründung einer PSAG
und das Land hat per Beschluss letztendlich die Finanzierung dazu gegeben.
Ich selbst bin von der Stadtverwaltung – bei dem Vorhaben eine PSAG zu gründen –
unterstützt worden, nachdem die Verwaltung durch einen Beschluss des Stadtrates mit der
Gründung einer Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft beauftragt worden war.
Der Stadtrat veranlasste nicht nur die Gründung der PSAG sondern forderte die
Stadtverwaltung auf, die PSAG in die Fortschreibung des „Konzeptes zur
gemeindeintegrierten psychiatrischen Versorgung in der Stadt Magdeburg“ einzubeziehen,
das bis zu diesem Zeitpunkt allein vom Gesundheitsamt geschrieben worden war. Damit
forderte der Stadtrat eine breite Trägerbeteiligung ein.
Der 2. November 1995 war der Gründungstag der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft
Magdeburg und bereits im ersten Jahr ihres Bestehens waren diesem Gremium 35
Einrichtungen der Stadt Magdeburg beigetreten, die in der Stadt die Versorgung von
Menschen mit psychischer Erkrankung, einer Suchterkrankung, einer seelischen oder
geistigen Behinderung übernahmen. Aus den der PSAG beigetretenen Einrichtungen wurden
über 60 Mitarbeiter/innen namentlich für die Arbeit in den 5 gegründeten Fachausschüssen
der PSAG benannt.
Nun war ein Instrument geschaffen, das einen Überblick über die Vielfalt der psychosozialen
Arbeit in der gemeindenahen sozialpsychiatrischen Versorgung gab.
Mit Sicherheit haben sich in den 20 Jahren die Versorgungsangebote verändert, auch die
Arbeitsweise der PSAG wird eine andere geworden sein.
Widerstände waren zu überwinden und Dank des Einsatzes von Frau Sapandowski, die sich
stets für die Angelegenheiten der Vernetzung psychosozialer Arbeit einsetzte, gelang es, die
Arbeit der PSAG organisatorisch und inhaltlich aufrechtzuerhalten.
Vor allem möchte ich feststellen, dass 20 Jahre PSAG als ein positives Symbol für
Beständigkeit, Engagement und Erfolg hinsichtlich der Bemühungen um eine funktionierende
gemeindenahe psychosoziale Betreuung zu werten ist.
Deshalb wünsche ich allen PSAG-Mitgliedern und insbesondere Frau Sapandowski, die von
Anbeginn die Fäden zusammenhält, viel Erfolg bei den großen Anstrengungen für eine
weitere Vernetzung der psychosozialen Arbeit in der Stadt Magdeburg.

Moderation
Dr. Ingo Gottschalk, Stabsstelle Jugendhilfe-, Sozial- und Gesundheitsplanung
Ja, Frau Dr. Schneider, nochmal direkt an Sie gerichtet, ich glaube, diese Fragestellung von
Strukturentwicklung – ich kann es sehr gut einschätzen, weil ich es ja im Prinzip tagtäglich
mitbegleite in der Stadt – ist natürlich immer eine Herausforderung, das vor allen Dingen neu
zu etablieren und ich denke, das ist Ihr Verdienst, das können Sie sich mit an die Brust
heften und immer bei sich tragen, dass Sie also die PSAG mit ins Leben gebracht haben.
Vielen Dank nochmal Ihnen in Würdigung auch der Veranstaltung und der Anerkennung
Ihrer Leistung in der Form. Schönen Dank.
Ja, ich denke, jetzt sind wir fast schon bei der Gegenwart oder bei der Tätigkeit der PSAG
selbst. Ich denke, es ist angemessen, dass Frau Sapandowski das macht und hier nochmal
die Arbeit einschätzt und Wert legt auf einige Fragestellungen, die sie besonders
hervorheben wird und insofern erklärt sich auch, warum ich es moderiert habe und nicht sie.
Bitte, Frau Sapandowski, kommen Sie nach vorn.

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Rückblick auf die Entstehung und Tätigkeit der PSAG
Heidi Sapandowski, Psychiatriekoordinatorin der Landeshauptstadt Magdeburg

Sehr geehrte Stadträte,
sehr geehrte Frau Dr. Theren,
sehr geehrte Frau Dr. Schneider,
liebe PSAG-Mitglieder,
liebe Experten in eigener Sache,
sehr geehrte Frau Borris,
In meiner Funktion als Psychiatriekoordinatorin der Landeshauptstadt
Magdeburg möchte auch ich Sie ganz herzlich begrüßen, zur
Jubiläumsveranstaltung der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft
Magdeburg, hier im Gesellschaftshaus am Klosterbergegarten.
Dabei möchte ich nicht nur 20 Jahre, sondern 40 Jahre zurückgehen
und zunächst den Bezug zwischen der PSAG und der PsychiatrieEnquete herstellen.
1971 setzte die Bundesregierung eine Sachverständigenkommission ein, um die
Psychiatrische Versorgung der Bevölkerung umfassend zu untersuchen.
Nach 4-jähriger Tätigkeit dieser Kommission wurde der Bundesregierung der „Bericht über
die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland zur psychiatrischen und
psychotherapeutisch/ psychosomatischen Versorgung der Bevölkerung“ übergeben.
Dieser ging 1975 als Psychiatrie Enquete in die Geschichte der Psychiatrie ein.
Dieser Bericht hatte weitreichende Auswirkungen auf die psychiatrische Versorgung.
Neben einem Modellprogramm zur Erprobung ambulanter Versorgungsnetze wurden
Empfehlungen der Expertenkommission der Bundesregierung zur Reform der Versorgung im
psychiatrischen und psychotherapeutisch/psychosomatischen Bereich etabliert.
Die Psychiatrie Enquete ist noch heute weithin als Basis für die noch immer andauernde
Fortentwicklung der Versorgung psychisch kranker und seelisch behinderter Menschen in
Deutschland akzeptiert.
Das Konstrukt PSAG wurde bereits 1975 als Empfehlung in die Psychiatrie Enquete
aufgenommen.
Die Psychiatrie Enquete benannte als wesentliche Aufgaben:
• den institutsübergreifenden Erfahrungsaustausch der Mitarbeiter
• die wechselseitige, fachliche und institutionelle Unterstützung (bei Konflikten),
fachlich orientierte Vermittlung und
• gemeinsame Fort- und Weiterbildungsaktivitäten.
Trägerschaft, Organisationsstruktur und Selbstverständnis der PSAG waren dabei sehr
unterschiedlich.
In der Landeshauptstadt Magdeburg wurde die PSAG auf Initiative des Stadtrates gegründet.
Die Gründung selbst wurde fachlich-inhaltlich und organisatorisch durch das
Gesundheitsamt umgesetzt und in den ersten Jahren bis 2002 seitens des
Gesundheitsamtes in Person von Frau Dr. Schneider besonders intensiv begleitet und
fachlich unterstützt. Mit der Finanzierung der Psychiatriekoordination wurde durch das

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Ministerium für Arbeit und Soziales LSA die Voraussetzung für die Gründung/Koordination
der PSAG geschaffen.
Mit Gründung der PSAG wurde folgender Auftrag an dieses Gremium formuliert:
• Fortschreibung des Konzeptes zur Entwicklung gemeindeintegrierter psychiatrischer
Versorgung in der Stadt Magdeburg; das beinhaltete
Aktuelle Bestandsaufnahme vorhandener Versorgungsstrukturen
Aufzeigen von Entwicklungen
Benennen von Problemen und Defiziten
Formulieren fachlicher Empfehlungen zur schrittweisen Verbesserung der
Versorgungssituation
• Gegenseitige Information (Träger, Gesetze) und den institutsübergreifenden
Erfahrungsaustausch sowie die
• Kooperation der beteiligten Einrichtungen/Dienste gewährleisten.
Unter diesen Prämissen nahm die PSAG Magdeburg ihre Tätigkeit in
5 Fachausschüssen auf, die später in Fachgruppen umbenannt worden sind.
Dem Gremium PSAG traten alle Einrichtungen/Dienste in der Landeshauptstadt Magdeburg
bei, die an der Versorgung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung einer
seelischen Störung, auch Suchterkrankung und/oder einer geistigen Behinderung beteiligt
waren.
Die Geschäftsführung obliegt seit Anbeginn der Psychiatriekoordinatorin in enger
Kooperation mit den Sprechern/Sprecherinnen der Fachgruppen der PSAG.
In den Anfangsjahren der PSAG wurde das psychiatrische Versorgungssystem in
Magdeburg durch die Mitglieder der PSAG aktiv mitgestaltet. Es gab eine Vielzahl von
fachlichen Empfehlungen, die zur Etablierung und /oder zum Erhalt von
Einrichtungen/Diensten erforderlich waren:
• Aufbau ambulanter Wohnformen, u. a. das Betreute Wohnen für Suchtkranke
• Kontakt- und Begegnungsstätten für psychisch Kranke
• Tagesstätte für psychisch Kranke
• Alzheimergesellschaft
• Schaffung von Werkstattplätzen speziell für psychisch Kranke
• Schaffung von Kursangeboten für Menschen mit geistiger Behinderung in der VHS.

Ein besonderer Aufgabenschwerpunkt der PSAG (formuliert durch den Stadtrat) war
die inhaltliche Weiterentwicklung des „Konzeptes zur Entwicklung gemeindeintegrierter psychiatrischer Versorgung in der Stadt Magdeburg“ von 1995, das
ausschließlich auf psychisch Kranke und seelisch behinderte Erwachsene ausgerichtet war
und als Arbeitsgrundlage beschlossen worden war.
Das Konzept wurde mit der 1. Fortschreibung 1997 aktualisiert und um die Teilpläne
Suchtkrankenhilfe und psychisch Kranke, seelisch und geistig behinderte Kinder und
Jugendliche ergänzt.
Das Konzept zur Entwicklung gemeindeintegrierter psychiatrischer und psychosozialer
Versorgung in der Stadt Magdeburg ist in seiner ersten Fortschreibung durch die PSAG als
Grundlage für Verwaltungshandeln im März 1997 beschlossen worden.
Mit dem Beschluss ging die Forderung einher, die 2. Fortschreibung im IV. Quartal 1997
einzubringen. Die 2. Fortschreibung erfolgte durch die PSAG und wurde um die Teilpläne
Gerontopsychiatrie und geistig behinderte Erwachsene ergänzt.
Im Mai 2000 wurde die 3. Fortschreibung mit 5 Teilplänen als Information an den
Gesundheits- und Sozialausschuss eingebracht.
13

Die Teilpläne enthielten jeweils einen Überblick über die aktuelle Versorgungssituation,
eine Darstellung von Problemen und fachlichen Notwendigkeiten aus Sicht der jeweiligen
Fachausschüsse und Empfehlungen zum Umgang mit bestimmten Problemlagen.
Orientierung für den Aufbau/die Entwicklung gemeindepsychiatrischer
Versorgungsstrukturen bildeten zum damaligen Zeitpunkt die vom damaligen Ministerium für
Arbeit, Soziales und Gesundheit herausgegebenen Planungen/Pläne zur Versorgung
behinderter Menschen im Rahmen der Eingliederungshilfe für das Land Sachsen-Anhalt.
Der Bericht der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft zur gemeindeintegrierten
psychiatrischen und psychosozialen Versorgung in der Landeshauptstadt Magdeburg wurde
dann wieder in den Jahren 2005 und 2010 erstellt und dem Stadtrat zur Kenntnis gegeben.
Der PSAG- Bericht 2015 ist derzeit in Arbeit und wird nach bisheriger Planung im März 2016
vorliegen.
Die Berichte stießen insbesondere im Gesundheits- und Sozialausschuss auf großes
Interesse, wurden ausführlich diskutiert und hatten einige Stadtratsbeschlüsse zur Folge.
So wurde beispielsweise die Finanzierung der Kontakt- und Begegnungsstätten für
psychisch Kranke beschlossen, die kurz vor dem Aus standen und die Dank des
Stadtratsbeschlusses bis heute finanziell unterstützt werden und daher erhalten bleiben
konnten.
Darüber hinaus erfuhren die 3 Suchtberatungsstellen der Stadt eine finanzielle Aufstockung.
Die Fortführung der Koordinatorenstelle nach Ablauf der Finanzierung durch das Land wurde
ebenso durch den Stadtrat bestätigt.
Bezogen auf den PSAG-Bericht 2005 erging der Auftrag an die Verwaltung, zu diesem
Bericht einen Workshop durchzuführen, um die Empfehlungen auf ihre Umsetzbarkeit hin zu
prüfen: Ergebnis dieses Workshops war u. a. ,dass die Verwaltung durch den Stadtrat
beauftragt worden war, ein Suchtkonzept für die Landeshauptstadt Magdeburg zu erarbeiten
und eine Stelle Sucht-Streetwork einzurichten
Die PSAG initiierte ebenso Befragungen von Einrichtungen zur Versorgung bestimmter
Zielgruppen bzw. zur Ermittlung der Inanspruchnahme dieser Einrichtungen/Hilfen:
Hierzu gehört z. B. die Entwicklung einer einheitlichen Statistik für die Suchtberatungsstellen
und die jährliche Auswertung dieser Statistiken, aus der sich konkrete Aussagen zur
Inanspruchnahme der Beratungsdienste durch die Nutzer und Schlussfolgerungen für die
weitere Arbeit ableiten lassen. Initiator ist die Fachgruppe Sucht gewesen.
Dazu gehört auch die Entwicklung einer Befragung der Altenpflegeheime zur Versorgung
demenzkranker Heimbewohner durch die Fachgruppe Gerontopsychiatrie, erstmals 1997
begonnen und fortgeführt jeweils im Hinblick auf die anstehenden Berichterstattungen.
Durch die Fachgruppe Kinder- und Jugendpsychiatrie wurde eine Befragung zur
Frühförderung von behinderten/-bedrohten Kindern in den integrativen Kindertagesstätten
ausgelöst. Die Fachdiskussion/Problemstellungen/ und Ergebnisse der Befragung haben die
Verwaltung veranlasst, eine Datenerhebung zur Frühförderung einzuführen und eine Ag
Frühförderung zu gründen, die sich aufgrund der vorhandenen Datenlage jährlich zur
Thematik Frühförderung bzw. zu den Bedarfen verständigt.
Der wichtigste und für die PSAG-Mitglieder bedeutendste Teil der PSAG Arbeit bilden die
Bereiche Information/Erfahrungsaustausch/ und Kooperation. Hier werden in den
Fachgruppensitzungen vielfältige Themen bearbeitet, woraus sich für die
Fachgruppenteilnehmer folgender Gewinn ergibt:
Zeitnahe Information zu neuen gesetzlichen Regelungen
Gegenseitige Information über geplante Aktivitäten, über neu etablierte oder
umstrukturierte Hilfen
14

Fachdiskussion spezifischer, aus Sicht der Fachgruppe erforderlicher, Themen
Erfahrungsaustausch unter Fachleuten, der Ideen bringt und Impulse setzt für die
eigene Arbeit
Aufbau zuverlässiger Kooperationsstrukturen/persönlicher Kontakte.
Letzten Endes sollen diese Informationen/Erfahrungsaustausche und Kooperationen den
Menschen zugutekommen, die aufgrund ihrer psychischen/seelischen Erkrankung auf
verschiedene Formen der Hilfe/Unterstützung angewiesen sind.
Ein weiterer Arbeitsbereich im Rahmen der PSAG ist die
Projektarbeit:
3 große öffentliche Veranstaltungen (Flora-Park, Johanniskirche, AOK) unter
Beteiligung mehrerer Fachgruppen, zu erwähnen ist hier auch die
Informationsveranstaltung der Fachgruppe Erwachsenenpsychiatrie
Krisenpass für psychisch Kranke
Wegweiser (bereits in der 6. Auflage)

Betrachten wir die PSAG in den zurückliegenden 20 Jahren ergibt sich natürlich auch die
Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen, nach den Erfolgen und Enttäuschungen.
Die PSAG ist ein durch den Stadtrat gewolltes Gremium und hat damit die Möglichkeit der
Berichterstattung an den Stadtrat.
Gestaltungsmöglichkeiten, die es gibt, habe ich zumindest ansatzweise in meinen bisherigen
Ausführungen dargestellt. Wie diese Möglichkeiten wahrgenommen werden, ist natürlich
nicht ganz unabhängig von den einzelnen Fachgruppen bzw. deren Zusammensetzung.
Die PSAG ist aber ein Gremium mit ausschließlich empfehlendem Charakter und ein
Gremium ohne eigenes Budget.
Ich hoffe, meine Ausführungen zeigen, dass die Arbeit der PSAG schon einige Erfolge zu
verzeichnen hat, dass die PSAG Mitglieder auch stolz sein können, auf ihre Arbeit, die
letzten Endes den Betroffenen zu Gute kommt bzw. kommen soll. Und nur darum geht es
eigentlich.
So wie in jeder Arbeit gab es auch in PSAG Höhen und Tiefen. Ungute Gefühle machten
sich immer dann breit, wenn wir bestimmte Vorhaben/Projekte nicht oder nicht auf Dauer
etablieren konnten. Hilfeplankonferenzen/Krisendienst und/oder Krisenpension seien hierfür
beispielgebend benannt. Es blieb unverständlich, warum bestimmte Vorhaben keine
Akzeptanz fanden und es dadurch nicht möglich war, bundesweiten Entwicklungen zu
folgen.
Die PSAG verfügt über engagierte Fachexperten, die in Bezug auf die Verbesserung der
psychiatrischen und psychosozialen Versorgung in der Landeshauptstadt Magdeburg etwas
bewegen wollen.
Aber sie können nicht allein, die von ihnen benannten Probleme/Defizite (bezugnehmend auf
die Berichterstattung) zu einer Lösung führen, weder mit noch ohne Koordinatorin.
Hier gibt es vielfältige Belange, die mit den Krankenkassen, mit den Ministerien, mit der
Sozialagentur besprochen/ausgehandelt werden müssten und dazu hat eine PSAG nicht die
Befugnis (Status eines Gremiums mit empfehlendem Charakter) und dazu hatte auch die
Psychiatriekoordinatorin nicht den Auftrag.
Große Lösungen können wir nur mit den Entscheidungsträgern in Verwaltung/Politik
gemeinsam erzielen, wenn es uns gelingt u. a. auch die Krankenkassen, Ministerien
einschließlich der Sozialagentur zu einer kontinuierlichen Zusammenarbeit zu bewegen.
Unbestritten ist, dass wir in der Landeshauptstadt Magdeburg über umfangreiche Strukturen
und vielfältige Hilfen für Menschen mit seelischer Behinderung verfügen, die durch gut
15

qualifizierte, engagierte Mitarbeiter erbracht werden. Die Aussage wird auch gestützt durch
die jährlichen Berichte der Besuchskommission II des Landespsychiatrieausschusses.
Unser grundlegendes Problem erscheint darin zu bestehen, dass es noch immer nicht
möglich ist, die vorhandenen Hilfen flexibel und dem individuellen Hilfebedarf entsprechend
zu erbringen, was Unter- oder Überversorgung zur Folge hat.

Auch 40 Jahre nach der Psychiatrie-Enquete müssen wir die Grundprinzipien der Psychiatrie
als Gemeindepsychiatrie immer im Blick haben.
Eines der Grundprinzipien, die von der Psychiatrie-Enquete benannt worden sind:
Psychiatrie ist Gemeindepsychiatrie: Sie geht davon aus, dass seelisches Leid in der
Gemeinde entsteht und das es dort auch getragen, gelindert oder beseitigt werden sollte.
Das bedeutet, folgende Grundprinzipien der Hilfeleistung umzusetzen:
• Selbsthilfe vor Fremdhilfe
• Nachbarschaftshilfe vor professioneller Hilfe
• Ambulante Hilfe vor teilstationärer und stationärer Hilfe.
Das erfordert auch die Förderung seelischer Gesundheit.
Die bundesweiten Aktivitäten bei der Gesetzgebung zeigen, dass die Verbesserung der
Versorgung psychisch Kranker auch 40 Jahre nach der Psychiatrie-Enquete noch immer ein
bedeutendes Thema ist und noch lange nicht abgeschlossen ist:
UN-Behindertenrechtskonvention (Daueraufgabe, Prozess) – Umsetzung ist mit der
Frage verbunden- Was heißt barrierefrei für einen psychisch kranken Menschen?
Präventionsgesetz (konkret Depression; betriebliche Prävention)
Pflegestärkungsgesetz II (Verbesserung für Demenzkranke)
Bundesteilhabegesetz (wird 2016 erwartet und soll ab 2017 das SGB XII ablösen)
Es sind Gesetze, die ausschließlich für den Personenkreis oder u. a. für diesen Personenkreis Verbesserungen bringen sollen und die auch die Chance bieten, neu zu gestalten.
Und gleichzeitig gibt es Befürchtungen, dass es nicht nur positive Veränderungen geben
wird: Beispiel dafür ist das ab 2017 angedachte neue Leistungsentgelt in der stationären
Versorgung.

Was ist perspektivisch wichtig?
•
•
•
•
•

Erbringung flexibler Hilfen, zugeschnitten auf den individuellen Hilfebedarf des
Betroffenen
Verstärkung der aufsuchenden Hilfen (Home-Treatment)
Einbindung von Genesungsbegleitern (weil sie Menschen in Krisen unterstützen und
ihre eigenen Erfahrungen einbringen können
Bürgerhilfe für psychisch Kranke
Teilhabe der Nutzer an der Strukturentwicklung (feste Einbindung Betroffener,
Experten in eigener Sache in die Planungsprozesse)

Bleibt nur noch eins zu sagen:
Ganz, ganz herzlichen Dank an Sie alle für ihr Engagement in 20 Jahren PSAG Arbeit und
die Unterstützung, die ich durch Sie auch in meiner Tätigkeit erfahren habe.

16

Würdigung besonderen Engagements,

Die Veranstaltung wurde zum Anlass genommen, sich bei den derzeit aktiven und ehemaligen
Sprechern und Sprecherinnen der Fachgruppen der PSAG zu bedanken:

Fachgruppe Gerontopsychiatrie
Frau Dr. Schneider, ehemals ärztliche Leiterin des
Sozialpsychiatrischen Dienstes am Gesundheitsamt
Frau Hoffmann (momentane Sprecherin), Diplom-Sozialpädagogin der
Psychiatrischen Klinik am Universitätsklinikum
(Die Teilnahme an der Veranstaltung war leider nicht möglich.

Fachgruppe geistig behinderte Erwachsene
Herr Ackermann (momentaner Sprecher), Leiter des
„Regenbogenhauses“
Frau Dr. Hildebrand, Vertreterin des Landesverbandes der Lebenshilfe

Fachgruppe Kinder- und Jugendpsychiatrie
Herr Schmidt (momentaner Sprecher), Geschäftsführer
der Bunte Feuer GmbH
Herr Gutsche, ehemals Leiter des Kinder- und
Jugendheimes „A. Noah“ der Pfeifferschen Stiftungen und
vorhergehender Sprecher.
(Die Teilnahme an der Veranstaltung war leider nicht
möglich.)

Fachgruppe Sucht
Herr Grundmann,
ehemals Leiter der
Suchtberatungsstelle
der Magdeburger Stadtmission e.V.

Frau Schnelle,
ehemals Leiterin des
ambulant betreuten
Wohnens für Suchtkranke

17

Frau Reich,
und
ehemals Leiterin
der DROBS
Magdeburg

Frau Lösecke,
(momentane Sprecherin),
Leiterin der AWOSuchtberatungsstelle

Fachgruppe Erwachsenenpsychiatrie
Frau Bogel (links außen),
Diplom-Sozialpädagogin – Psychiatrische Klinik
am Klinikum Magdeburg gGmbH
Frau Hildebrandt, Leiterin der Kontakt-und
Begegnungsstätte für psychisch Kranke
Herr Fesca (momentaner Sprecher), Päd.
Leiter Behindertenhilfe Werkstätten der
Pfeifferschen Stiftungen
Frau Rollert (rechts außen), ehemals Leiterin
des Integrationsfachdienstes am Verein „Der
Weg“ e.V.

Ausgezeichnet wurden ebenso die folgenden Experten in eigener Sache (Betroffene), die sich
seit langem im Schulprojekt „Verrückt- na und ?“, einem durch die Fachgruppe
Erwachsenenpsychiatrie der PSAG initiierten Präventionsprojekt, engagieren:
Frau Birkholz – Frau Blasczik – Frau Wladimirowa – Herr Freist - Herr Hoppe.

Leider konnte an diesem Tag
nur Herr Hoppe
die Auszeichnung persönlich
entgegen nehmen.

Ein Dankeschön durch die Beigeordnete erhielt ebenso die Psychiatriekoordinatorin der
Landeshauptstadt Magdeburg; Frau Sapandowski

18

Herausforderungen an die künftige psychiatrische Versorgung in der
Landeshauptstadt Magdeburg aus Sicht der PSAG
Marc Fesca, Sprecher der Fachgruppe Erwachsenenpsychiatrie

Sehr geehrte Frau Borris, sehr geehrte Frau Dr. Theren, sehr
geehrte Stadträte, sehr geehrte Frau Sapandowski, meine
Damen und Herren,
Was gibt es aus Sicht der Fachgruppe Erwachsenenpsychiatrie zu berichten?
Die psychiatrische Versorgung in Magdeburg kann nicht
losgelöst von der Situation im Land betrachtet werden. Doch
darum soll es hier heute nicht gehen. Die Herausforderungen
sind bekannt und in den Berichten des Psychiatrieausschusses nachzulesen. Auf das Argument der drohenden
Mehrkosten bei der Planung einer bedarfsgerechten
Versorgung möchte ich entgegnen, dass es ja um eine
Strukturveränderung, besonders eine Stärkung der
ambulanten Hilfen gehen soll, die nicht zwingend zu höheren
Kosten führen muss.
Eine weitere Ausnahme davon möchte ich machen, bezogen auf den großen Bereich der
Eingliederungshilfe: eine moderne Psychiatrie ist eine Gemeindepsychiatrie – aus
diesem Grunde wäre zweckdienlich, die GESAMTE Steuerungs- und Umsetzungsverantwortung im Interesse sozialräumlicher Hilfegestaltung in die Hand des örtlichen
Sozialhilfeträgers zu legen! Das zeigen gute Erfahrungen in Experimentierkommunen in
Niedersachsen oder Baden Württemberg.
Zum Rückblick – Persönlich ist dies schwierig, da ich erst 2 Jahre in der PSAG
mitarbeite... Aber: Dass es eine aktive PSAG gibt und eine engagierte Psychiatriekoordinatorin ist gut – auch im Vergleich mit anderen Bundesländern! Die Arbeit der
Arbeitsgruppen sollte durch regelmäßige Abfrage in Planungsprozessen gewürdigt
werden, daher ist es erfreulich, hier heute zu hören, dass es künftig eine verbindliche
Psychiatriebedarfsplanung in der Stadt Magdeburg geben wird!
Auch das aktive Engagement von Psychiatrie-Erfahrenen im Rahmen des Schulprojektes und des Psychose – Seminars ist überregional beachtenswert.
Wo ist eine Verbesserung wünschenswert, eine Unterstützung notwendig?
Das ist von Frau Sapandowski hier bereits treffend beschrieben worden, weshalb ich nur
auf zwei weitere Aspekte hinweisen möchte
– zum einen auf die Begegnungsstätten, die zuwendungsfinanziert arbeiten und eine
wichtige krisenvermeidende Funktion erfüllen, deren Finanzierung daher einer
langfristigen Sicherheit bedarf.
- Im Bereich Arbeit und Beschäftigung wäre zum anderen der Ausbau von sogenannten
Zuverdienstarbeitsplätzen eine Ergänzung für diejenigen, die weder in die Werkstatt für
behinderte Menschen noch auf den Arbeitsmarkt gehen können. Hier hat die Stadt über
den § 11 SGB XII auch die Möglichkeit der unabhängigen Gestaltung.
Wir stellen außerdem in der Fachgruppe fest,
- dass das Anmieten von Wohnraum für dezentrales stationäres Wohnen
insgesamt schwieriger wird. Wohnraum wird insgesamt knapper. Vermieter und
Wohnungsbaugesellschaften vermieten ungern an behinderte und psychisch
kranke Erwachsene.
Vielen Dank
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Sandra Lösecke, Sprecherin der Fachgruppe Sucht

Sehr geehrte Damen und Herren,
mein Name istSandra Lösecke und ich leite die Suchtberatungsstelle der AWO Magdeburg. Als Sprecherin der
PSAG „Sucht“ möchte ich Ihnen nun kurz unsere Arbeit
vorstellen und infolgedessen die Herausforderungen an die
künftige psychiatrische Versorgung erläutern.
Wer sind wir?
Unser Gremium besteht aus Vertretern der Suchtkrankenhilfe
der Stadt Magdeburg. Dazu gehören neben den Leiterinnen
der drei Suchtberatungsstellen (Stadtmission, DROBS, AWO),
jeweils Vertreter der Entgiftungsstation des Klinikums
Magdeburg, der Entwöhnungsklinik „Alte Ölmühle“, der
Tagesklinik an der Sternbrücke Dr. Kielstein, des ambulant
und stationär betreuten Wohnens für Suchtkranke, des
Sozialpsychiatrischen Dienstes und seit einigen Jahren das Jobcenter, da knapp 40%
unserer Klientel SGB-II-Empfänger sind und Vertreter der SHG „AG Leben“.
Was machen wir?
Allgemein wirken wir als Fachgruppe an der Erarbeitung des Suchtkonzeptes der Stadt
Magdeburg mit und verständigen uns hauptsächlich über gegenwärtige Themen und über
bestehende und potenzielle Kooperationsmöglichkeiten, um das Hilfesystem für
suchtgefährdete/kranke Menschen in der Stadt Magdeburg zu optimieren.
Rückblickend auf 2015 haben wir uns ein aktuelles Bild vom Streetworkprojekt und dem
Projekt „Pathologisches Glücksspiel“ gemacht, indem wir die Ansprechpartner zu uns
eingeladen haben. Dabei stellte sich heraus, dass beide Projekte von Betroffenen gut
angenommen werden, aber es dennoch Grenzen bezüglich der Finanzierung gibt.
Des Weiteren haben wir im Rahmen der medizinischen Versorgung im Bereich Substitution
eine Fachärztin für eine der Sitzungen gewinnen können, um die derzeitige Versorgungslage
und mögliche Bedarfe zu diskutieren. Dadurch wurde uns die Arbeit mit Substituierten näher
gebracht und es konnte festgestellt werden, das Fachärzte bzw. die Kapazitäten in
Magdeburg, um Betroffene zu substituieren, äußert gering sind und deutlicher
Handlungsbedarf besteht.
Weiterhin findet einmal im Jahr eine Sitzung in einer Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen in Sachsen-Anhalt statt. So waren wir 2014 im Diakonie-Krankenhaus in
Elbingerode, in diesem Jahr in der Fachklinik „Alte Ölmühle“ und für 2016 ist die BarbarossaKlinik Kelbra angedacht. Wir organisieren diese Sitzungen, um neue Angebote der Kliniken
kennenzulernen, um die Zusammenarbeit zu verbessern bzw. Versorgungslücken zu
schließen. Das Ergebnis unserer Zusammenkunft in diesem Jahr in der Ölmühle war, dass
im Bereich der betrieblichen Suchtkrankenhilfe Handlungsbedarf besteht, um Arbeitgeber für
Suchterkrankungen zu sensibilisieren und letztlich Betroffene auch auf diesem Weg zu
erreichen. Es ist diesbezüglich ein Arbeitskreis für 2016 geplant.
Neben den Kooperationen mit Fachkräften liegt uns insbesondere die Kooperation mit
Betroffenen am Herzen, um deren Belange in unsere Arbeit miteinzubeziehen. Demzufolge
wurde einerseits ein Flyer mit allen SHG der Stadt Magdeburg erstellt und andererseits
bereits zum dritten Mal ein Treffen mit den SHG der Stadt Magdeburg organisiert, welches
einmal jährlich stattfindet. In diesem Jahr haben wir gemeinsam mit den Betroffenen die
Thematik Kinder suchtkranker Eltern aufgegriffen. Allgemein geht man von jedem 6. Kind
aus, das in einer Suchtfamilie aufwächst und somit ein weitaus höheres Risiko hat ebenso
an einer Sucht zu erkranken. 2010/2011 haben wir in unserer Beratungsstelle versucht, ein
Projekt „Haltestelle“ diesbezüglich auf die Beine zu stellen und konnten dafür 6 Kinder im
20

Alter von 12-18 Jahren erreichen. Das Ziel bzw. Ergebnis der stattgefundenen
ressourcenorientierten Einzel-und Gruppengespräche war der bessere Umgang mit der
Suchterkrankung der Eltern und den entsprechenden Gefühlen sowie einen Zugang zur
Beratungsstelle zu schaffen, um das Risiko selbst eine Suchterkrankung zu entwickeln, zu
minimieren. Dazu findet in der nächsten Woche eine Versammlung statt, die uns hoffentlich
weiterbringt und kein Projekt, sondern ein langfristiges Angebot schafft. Laut der Statistik von
2014 der 3 Suchtberatungsstellen in Magdeburg waren es allein 143 Kinder suchtkranker
Eltern. Die Auswertung der Statistiken der 3 Suchtberatungsstellen ist ebenso ein Inhalt der
Fachgruppensitzungen.
Dabei hat sich 2014 unter anderem herausgestellt, dass die Klienten, die Suchtberatung in
Anspruch nehmen:
immer mehr illegale Drogen wie Crystal Meth bzw. polytox konsumieren, nach
Alkohol an zweiter Stelle. Auch wenn die Beratungsstellen auf bestimmte Zielgruppen
spezialisiert sind, ist das Angebot für Drogenabhängige noch dürftig bzw.
ausbaufähig. Derzeit gibt es eine reine angeleitete Gruppe für Drogenabhängige in
der Stadt Magdeburg, das hier eine Unterversorgung zu verzeichnen ist.
immer jünger werden und
zunehmend multiple Probleme und/oder Komorbiditäten aufweisen und dementsprechend eine ganzheitliche Hilfe benötigen. Diese Tatsache ist nicht nur bei den
Suchtberatungsstellen spürbar, sondern auch in den anderen bereits genannten
Suchthilfeeinrichtungen, z.B. im ambulant betreuten Wohnen, wo der
Betreuungsschlüssel 1:12 ist und pro Klient keine drei Stunden pro Woche zur
Verfügung stehen. Um eine ganzheitliche Hilfe zu gewährleisten, braucht es mitunter
auch mehr Zeit für jeden Einzelnen. Es ist hier ein deutlicher Fachkräftemangel zu
verzeichnen. Derzeit soll mit Hilfe des Konzeptes integrierter psychosozialer
Beratung diese Probleme meiner Meinung nach zum Teil gelöst werden. Also indem
Kompetenzen von Fachkräften gebündelt werden, kann eine neue Qualität der
Beratung von Menschen mit Multiproblemlagen gewährleistet werden.
Ausblick: Womit werden wir uns zukünftig auseinandersetzen?
Themen, die uns langfristig beschäftigen werden und die wir auch schon angeschnitten
haben sind in erster Linie die Zunahme von Migranten, die eine Erweiterung interkultureller
Kompetenzen fordert. Nur dann ist es möglich, diese Zielgruppe zu verstehen,
Vertrauensbasis zu schaffen und beraten zu können. 2014 betreuten die 3 Suchtberatungsstellen ca. 6% an KlientInnen mit Migrationshintergrund, was allerdings aufgrund der
aktuellen Situation stark zunehmen wird.
Schließlich wird uns auch die Legalisierung von Cannabis beschäftigen, welche Vor- und
Nachteile mit sich bringt. Beispielsweise könnte eine Legalisierung (durch qualitätskontrolliertes und weniger verunreinigtes/gestrecktes Cannabis) die Zahl der
gesundheitlichen bzw. biopsychosozialen Schäden und der Kriminalität verringern, aber die
Präventionsarbeit könnte beispielsweise durch eine geringere Hemmschwelle erschwert
werden. Fakt ist, dass mit der Frage anders umgegangen werden muss und die
gegenwärtige
repressive Drogenpolitik kein Erfolg bringt. Wir als Fachgruppe versuchen zu diesen
suchtspezifischen Themen einen Beitrag zu leisten, um das Suchthilfenetzwerk der Stadt
Magdeburg stets bedürfnisgerecht zu gestalten.

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Uwe Schmidt, Sprecher der Fachgruppe Kinder- und Jugendpsychiatrie und
Prof. Dr. Henning Flechtner, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
Mitglied der Fachgruppe

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Die Jubiläumsveranstaltung wurde musikalisch umrahmt durch die

Saitenspinner
aus dem AWO Fachkrankenhaus Jerichow.

Sabine – Cellistin/Tänzerin
Marco – Sänger/Gitarrist
Siggi – Gitarrist/Sänger/Mundharmoniker
Roland - Drummer

Beim abschließenden Imbiss im Foyer des Gartensaales gab es die Möglichkeit, zu
Gesprächen und Erfahrungsaustausch, insbesondere auch mit den ehemaligen Sprecher/innen
der Fachgruppen der PSAG, die teilweise schon seit mehreren Jahren im Ruhestand sind.

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Arbeitsgespräch der Fachgruppe Kinder- und Jugendpsychiatrie zum
Thema Erfordernisse rechtskreisübergreifender Zusammenarbeit zur
Verbesserung der Versorgung von Kindern/Jugendlichen mit
emotional-sozialem Förderbedarf
Eröffnung und Moderation der Veranstaltung durch
Uwe Schmidt, Geschäftsführer der Bunte Feuer GmbH
und Sprecher der Fachgruppe Kinder- und
Jugendpsychiatrie der PSAG

Einstiegsreferat: Pädagogische Diagnostik in der Grundschule
Frau Dr. Teumer, Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt

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29

World Cafe /Zusammenfassung aus dem World Cafe

Thementisch 1
These
Die pädagogische Diagnostik ist geeignet, um allen Förderbedarfen von
Kindern gerecht zu werden. Ein pädagogischer Förderbedarf ist erkannt – alle
Probleme sind gelöst!?
Moderation: Herr Thunemann/Frau Granse
In dem World Café bestand weitestgehend
Konsens, dass die Pädagogische Diagnostik
(PD) natürlich nicht alle Probleme löst!
Folgende Gedanken/ Schwierigkeiten wurden
diesbezüglich diskutiert:
- Im Vordergrund stand in den meisten
Durchgängen die Überlegung, was PD
eigentlich beinhaltet?
o Ist PD nicht auch die alltägliche
Beobachtung, die permanent im Unterricht stattfindet? Ist PD nicht auch
intuitiv? „PD haben wir schon immer gemacht!“ (Zitat einer Lehrerin)
o Was gehört alles zu PD?
o Wenn PD auch die Unterrichtsbeobachtung beinhaltet, wie verbindlich ist
dann die ggf. Verpflichtung, dass sich an die Beobachtungen auch
geeignete Förderungen anschließen?
o Man könne dem Förderbedarf nur gerecht werden, wenn man daraus auch
umsetzbare Konzepte ableiten kann.
o Der Begriff PD schien (noch) sehr unterschiedlich inhaltlich besetzt zu sein!
-

-

PD sollte nicht nur defizitorientiert wahrgenommen werden, sondern auch „nach
oben“ im Leistungsbereich
Der Zeitpunkt der Diagnostik ist entscheidend! Wann ist der beste Zeitpunkt?
Kritisch wurde in diesem Zusammenhang auch diskutiert, dass im Grundschulalter
sehr der Fokus auf PD/Förderung gelegt wird, diese Unterstützung jedoch bspw. in
den weiterführenden Schulen als nicht mehr selbstverständlich/ mit höheren Hürden
verbunden/ oder sogar gar nicht erlebbar ist (BBS; wer macht da eigentlich noch
PD? Ist das dann nicht mehr sinnvoll/notwendig?)
Zentral war auch die Überlegung, dass PD auf dem Ursache-Lösungs-Weg nur EIN
Baustein sein kann, der den Bereich Lernen abdeckt (zweites Bild in der Anlage).
Dies sollte eng(er) verknüpft werden mit dem Bereich Familie/ Elternarbeit. Hier
wurde das Symbol eines Tandems zwischen Schule und Elternhaus aufgegriffen;
Eltern müssten intensiver eingebunden werden in dem Förderkonzept. Dieses
Einbeziehen erfordere allerdings oft viel Zeit/Kraft/Ausdauer, weil Ängste bestehen.
Für die (Förder-) Lösung braucht es feste Teams mit festen Ansprechpartnern, die
Verlässlichkeit für alle beteiligten (Lehrer, Schüler, Eltern) bieten.

30

-

Damit dies (umfänglicher) möglich wird, wäre es wichtig, die PD im
Lehramtsstudium intensiver zu verankern (das würde bisher nur tangiert);
außerdem bräuchte es kontinuierliche Lehrerfortbildungen zu diesem Thema

Thementisch 2
These
Sonderpädagogischer Förderbedarf muss nicht vor der Einschulung
festgestellt werden.
Moderation: Herr Dr. Wagner/Frau Dr. Brett

-

-

ja, wie bisher für die Förderbereiche
Körper-, Sinnes- und geistige
Behinderung
ja, wenn die primäre Einschulung in eine
Förderschule erfolgen soll (bisher nur bei
Elternwille möglich)
prinzipiell muss immer auch eine
individuelle Vorgehensweise möglich
sein, besondere Bedarfe von Kindern
müssen vor der Einschulung erfasst
werden
Vorschlag: nicht nur Eltern sollten berechtigt sein, vor der Einschulung einen Antrag
zu stellen, sondern auch die Grundschule, wenn sie die Lernausgangslage des
Kindes als „kritisch“ für den Schulbesuch in der Grundschule ansieht
muss nicht erfolgen, wenn die Einschulung in die Grundschule erfolgt, weil, die
Schule sich umfassend über die Lernausgangslage der Kinder informiert hat und sie
deshalb die besonderen pädagogischen Bedarfe jedes Kindes kennt und
entsprechende pädagogische Angebote von Anfang an gewährleistet sind. In den
meisten Schulen wird eine vorschulische Förderung (ABC-Klub) angeboten, das ist
aber nicht verbindlich. Ein vorab festgestellter sonderpädagogischer Förderbedarf
führt nicht zu einer Erhöhung der Förderstunden des vorab festgelegten
Inklusionspools. Es werden halbjährlich Elterngespräche über die Lernfortschritte
eines jeden Kindes geführt, zu welchem auch andere Fachkräfte eingeladen werden
können. Alle Unterlagen werden im Kompetenzhefter des Kindes aufbewahrt. Hier
werden z.B. auch Befundberichte des Kindes abgeheftet, welche von den Eltern zur
Verfügung gestellt werden.
Der Antrag auf sonderpädagogischen Förderbedarf könnte jederzeit auch nach der
Einschulung erfolgen.
Das Verbleiben von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf im
Gemeinsamen Unterricht (GU) gelingt oft nur, wenn eine gute Zusammenarbeit mit
den Eltern besteht. Nicht jedes Kind mit Förderbedarf ist für den GU geeignet bzw.
profitiert davon.

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Thementisch 3
These
Nur mit standardisierter Intelligenzdiagnostik ist eine Vorhersage von
Förderbedarf und Entwicklung möglich.
Moderation: Herr Prof. Flechtner/Frau Klietz
1. Intelligenzdiagnostik ist wie „Bikini“:
zeigt viel, aber nicht das Wesentliche
2. Festschreibende Labeling-Effekte von
Intelligenzwerten
3. IQ Hilfreich zur Einschätzung ob geistige
Behinderung oder Lernbehinderung.
4. Pädagogische Diagnostik ziehe bei Bedarf
angrenzende Bereiche (Medizin,
Psychologie, etc.) hinzu
5. Schnittstelle zu den anderen Bereichen sei
nicht ausreichend definiert
6. Intelligenzdiagnostik entscheide nicht über Lebenserfolg
7. Gesellschaft müsse insgesamt „inklusiver“ werden, um verschiedene Förderbereiche
inklusiv abzudecken.
8. Veränderte These zu „Bikini“: zeigt Wesentliches, aber nicht alles
9. Verzicht auf Intelligenzdiagnostik und Teilleistungsdiagnostik lasse vieles im Vagen
und verzichte damit auf Präzision und verhindere ggf. Einklagbarkeit von
Maßnahmen
10. Politische Absicht hinter „Pädagogischer Diagnostik“ wird verneint/bestritten

Thementisch 4
These
Bei sogenannten Auffälligkeiten von Kindern handelt es sich in Wirklichkeit um
soziale Problemlagen, die mittels Feststellung von Förderbedarfen nicht gelöst
werden können.
Moderation: Herr Dr. Pilz/Frau Dr. Dutschko
Zur Diskussion der These haben die am Tisch
anwesenden Personen insgesamt sechsmal
gewechselt – je nach Gruppe ergaben sich
unterschiedliche Schwerpunkte, wie nachfolgend
dargestellt wird.
1. Zu allererst und wiederholt wurde der Begriff
der „Auffälligkeit“ problematisiert und hinterfragt.
32

Es wurde angeregt, hier zunächst zu unterscheiden, von welchen „Auffälligkeiten“ überhaupt
die Rede sein soll, sofern man diesen Begriff nicht ohnehin ablehne.
Es wurde herausgearbeitet, dass sich der Begriff in der These am ehesten auf Kinder mit
Förderbedarf im Bereich sozial-emotionaler Entwicklung beziehen dürfte. Für Förderbedarfe
in den Bereichen Lernen und körperliche Entwicklung könnte die These kaum als zutreffend
erlebt werden.
Eine tendenzielle Zustimmung zu der vorgelegten These ließ sich der kritischen Frage
entnehmen, ob die allgemeinbildende Schule die Inklusion verhaltensauffälliger Kinder
überhaupt leisten könne.
Sogenannte Fachteams würden teilweise erst dann einberufen, „wenn nichts mehr geht“, so
dass notwendiger Einbezug sozialpädagogischer Kompetenzen möglicherweise oft zu spät
erfolge. Andererseits wurde betont, dass im Lernentwicklungsgespräch, welches im Rahmen
der pädagogischen Diagnostik ja obligatorisch ist, gerade vermeintlich „verhaltensauffällige“
Kinder oft erstmals eine eigene Stimme erhalten.
Betont wurde des Weiteren, dass sich „schwierige“ Eltern oftmals dieser Gespräche
entziehen bzw. schwerer erreichbar erscheinen.
2. Die pädagogische Diagnostik stelle einen Förderbedarf beim Kind fest. Dieser sei nicht auf
Erziehungsfehler der Eltern zurückzuführen. Insofern führe die These ins Leere.
Es sei nicht einfach festzustellen, was überhaupt als soziale Problemlage zu kennzeichnen
sei. In der Schule sei allerdings oft beobachtbar, dass ein „Regiewechsel“, wie er bei
Herausnahme eines Kindes aus einer problematischen familiären Umgebung im Rahmen
einer Hilfe zur Erziehung oder Inobhutnahme erfolge, hilfreich wirken könne.
Die Schule sei aufgefordert, Kinder so anzunehmen, wie sie sind – unabhängig von ihrem
sozialen Umfeld. Soziale Problemlagen könne die Schule auch durch lebensnahe Angebote
wie z. B. ein gemeinsames Schulfrühstück begegnen. Solche Angebote seien immer mehr
gefordert, die Schulen stellten sich aber auch dieser Herausforderung.
3. Ein Teilnehmer mit langjähriger Erfahrung an einer städtischen Förderschule für
Lernbehinderte brachte zum Ausdruck, dass die These für ¾ der Schüler dieser Gruppe wohl
zutreffend sei. Auch bei Kindern mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ sei meist von einer
sozialen Benachteiligung auszugehen, indem sie in einem anregungsarmen Elternhaus
aufwachsen, welches unter Umständen auch Kindergarten- oder Hortbesuch vermeide.
Die pädagogische Diagnostik sei zu sehr eingeschränkt auf die Lernentwicklung im engeren
Sinne und vermeide standardisierte Diagnostik. Ohne eine sachgerechte Diagnostik von
Förderbedarf würden einige Kinder aber erst „auffällig“.
4. Im zweiten Teil der These wird auf die „Feststellung“ des Förderbedarfs abgehoben. In der
weiteren Diskussion wurde hierauf eingegangen: die pure Feststellung treffe ja noch keine
Aussage über die weitere Vorgehensweise.
Es wurde betont, dass sich im Stadtgebiet je nach Region erhebliche Unterschiede bei den
Schülern ausmachen lassen. Je nach Wohnumfeld gibt es große Unterschiede hinsichtlich
festgestellter Förderbedarfe und Gymnasialempfehlung. Überzufällig häufig gibt es mehr
Förderbedarf in Wohnumgebung mit „Plattenbauten“ und mehr Gymnasialempfehlungen in
Wohnumgebungen mit Einfamilienhäusern.
Oft müsse die Schule auf eine drohende „seelische Verwahrlosung“ reagieren und eingehen.
Die Feststellung und Anwendung von Förderbedarf und auch die Anwendung des Begriffes
der Aufälligkeit seien „Türöffner“ für vielfältige Hilfen, die auch im sozialen Umfeld
durchgeführt werden könnten.
5. In Reaktion auf die auf dem Tischtuch schriftlich fixierten Ergebnisse der Gruppe 3 wurde
in Gruppe 5 betont, dass die pädagogische Diagnostik sehr wohl standardisierte Instrumente
anwende und hinreichende Ergebnisse erbringe.
Eltern könnten für die kindliche Entwicklung sowohl Chance als auch Risiko sein. Die Schule
müsse allerdings nur ihre bereits gegebenen Möglichkeiten nutzen, um auf vermutete soziale
Problemlagen einzugehen. So könnten Eltern, die die Lernerfolge ihrer Kinder nicht zu
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würdigen wüssten, auch von Lernentwicklungsgesprächen ausgeschlossen werden. Im
Gegenzug könnten auch Hausbesuche zur Anwendung kommen.
Kritisch wurde angemerkt, dass gerade in sogenannten Brennpunktschulen, also Schulen mit
vielen Kindern mit festgestelltem Förderbedarf, die Eltern schwer erreichbar erscheinen und
auf Einladungen nicht reagieren.
6. Schließlich wurde betont, dass es sich lohne, die These umfangreicher und ausführlicher
sowie unter Hinterlegung wissenschaftlicher Daten zu diskutieren.
Die wesentliche Rolle der Schulsozialarbeiter wurde betont und gewürdigt. Sie seien ein
unverzichtbarer Bestandteil der schulischen Arbeit geworden und dienten dem
Vertrauensaufbau gerade bei schwierigem sozialen Umfeld.
Es sei zu wenig bekannt, welchen Einfluss die Schulgröße auf Förderbedarf/Auffälligkeiten
habe.

Thementisch 5
These
Kinder mit Rechenstörung oder Lese-Rechtschreibstörung werden oft als
lerngestört oder lernbehindert eingestuft.
Moderation: Frau Sporleder/Frau Höhne
Einen wesentlichen Teil der Diskussion nahmen
die unterschiedlichen Betrachtungs- und
Sichtweisen aus den Systemen ein. Diese
Systeme (schulisches System, medizinisches
System, Familiensystem) haben unterschiedliche
Zugänge und unterschiedliche Begriffe. Eltern
lehnen die angebotenen Hilfen und Wege
teilweise ab, aus Sorge um
Etikettierung/Stigmatisierung. (Hieraus könnte
sich im späteren Verlauf ergeben, dass andere
Helfersysteme später tätig werden müssen).

Insgesamt sind die Begriffe „gestört“ und „behindert“ extrem negativ behaftet.
Jedes System agiert in seiner Sprache, in seiner Struktur, mit seinen Zielen über
seine Mittel und Methoden. Das schließt teilweise eine hohe Emotionalität aller
Beteiligten ein.
Alle nachfolgenden Möglichkeiten und Chancen wurden aus der Sicht des Systems
Bildung beschrieben (,da die Teilnehmer hauptsächlich aus dem Bildungsbereich
kamen) :
-

Was weiß ich als Lehrkraft über das Kind / Problemlage erkennen/
Fragestellung ableiten,
Diagnostik einleiten,
Welche Unterstützungssysteme / Unterstützer gibt es überhaupt?,
Förderschullehrkraft an jeder Schule
34

-

Basisförderschule,
Angebot zur überregionalen ambulanten und mobilen Förderung einschließlich
Beratung,
Managementstunden, die den Förderschulen zur Verfügung stehen,
MSDD,
Schulpsychologische Beratung einbeziehen, ggf. Einzelfalldiagnostik,
„Komplexen Hilfebedarf“ nutzen.

Der Lernprozess in der Schule hat sich verändert:
- „Jede Diagnose soll ein verändertes didaktisch-methodisches Vorgehen/Angebot
nach sich ziehen.“
- „Diagnosen ziehen Verantwortung für den Prozess nach sich.“
- „Diagnosen (Störungs-Diagnosen) verführen, Verantwortung abzulehnen.“
- „Unterschiedliche Einstellungen/Bereitschaften/Fähigkeiten liegen zur Umsetzung
vor.“ (Veränderung ist anstrengend.)
Ist schulisches Lernen umfänglich, langandauernd und schwerwiegend beeinträchtigt,
liegt eine Lernbehinderung vor.
Schulischer Abschluss steht im Mittelpunkt des Bemühens, hier: Themenschwerpunkt
Gewährung eines Nachteilsausgleiches bei Teilleistungsstörung über die Schulzeit,
auch für die Abschlussprüfung im Sekundarschulbereich (Sek I).
Resümee der Moderatoren:
Ein wirksames Angebot, das auch ein Miteinander der verschiedenen Professionen
voraussetzt, wird nur gelingen, wenn ich die Möglichkeiten und Grenzen (einschl.
Fachsichten, Ansprüche, ect.) kenne und respektiere, auch wenn diese sehr
verschiedenartig sind und auf Augenhöhe miteinander kooperiere (an gemeinsamen Zielen
arbeiten).
Möglichkeiten der Einbeziehung von neuen Medien dürfen dabei nicht vergessen werden, da
die heutige Elterngeneration und auch die Schülergeneration bevorzugt, im Netz nach
Unterstützung zu suchen. Bieten bestehende Netzwerke Möglichkeiten zum Einbeziehen?

Thementisch 6
These
Jugendhilfe kompensiert fehlende Vernetzung anderer Dienste.
Moderation: Herr Dr. Gottschalk /Herr Schmidt
Deutlich wurde in der Diskussion, dass systeminterne
Vernetzung funktioniert: z. B. als Basisförderschule mit
den Grundschulen, den Psychologen, dem SPZ, den
Kliniken, der Berufsvorbereitung oder dem
Gesundheitsamt.
Kompensationsleistungen der Jugendhilfe sind
hinsichtlich der jeweiligen institutionellen
Verantwortlichkeit anderer nicht möglich.
Es ist bezüglich emotional-sozialer Auffälligkeiten
ein hohes Niveau festzustellen
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(z. B.: in Förderschulen ca. 50 % der Schüler/-innen und Schüler).
Systemüberschreitende Kontakte zwischen Jugendhilfe und Schule ergeben sich
ausschließlich über die Schulsozialarbeit bzw. bei Kindeswohlgefährdung.
Wichtige Austauschprozesse hinsichtlich einer problemorientierten
Verfahrensdiagnostik für emotional-soziale Auffälligkeiten fehlen.
Besonderes Augenmerk einer Vernetzung muss hinsichtlich diagnostischer Verfahren
von Schule und Jugendhilfe für eine gelingende Hilfegewährung gelegt werden.
Dieses gemeinsame diagnostische Vorgehen muss sich folgenden Ansprüchen
stellen können:
1. Einführung eines systemübergreifenden und abgestimmten diagnostischen
Verfahrens - Schule und Jugendhilfe (Berücksichtigung der unterschiedlichen
Analyse-Perspektiven bei komplexem Hilfebedarf).
2. Definition des Verfahrensgegenstandes - emotional-soziale Auffälligkeiten als
auch geistige bzw. lernbezogene Behinderungen.
3. Zugang in die Hilfesysteme – Grundlage teamorientierte Empfehlung.
4. Kenntnis/Erhalt der bisherigen Hilfegewährung trotz institutionellen Übergangs biografiebasierte Begleitung/Hilfegewährung – z. B.
Kindertageseinrichtung/Schule.

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